Das Fest zum Verlieben

Seit November haben wir einen neuen Hausmeister in Waldperlach: Toni Aziz Maroki. 1997 hat er den Irak verlassen, und kam über Stationen in der Türkei und Griechenland 2001 nach Deutschland. Er lebt mit seiner Familie in Putzbrunn. Hier erinnert er sich an W eihnachten in seinem Heimatdorf im Irak.

Weihnachten war immer sehr schön. Ich lebte in dem Dorf Batnaya bei Mossul, in dem alle Einwohner Christen waren.

Erstmal Gottesdienst

Am Weihnachtstag standen alle Familien so um 4 Uhr auf. Um 5 Uhr fing in der Kirche der erste Gottesdienst an. Es kamen so viele Leute! Manche kamen extra aus Bagdad, weil sie aus unserem Dorf stammten. Es brauchte mehrere Gottesdienste. Der zweite war um 7 Uhr.

In der Kirche saßen die Männer vorne, die Frauen hinten. Vorne im Altarraum standen zwei Gruppen älterer Leute gegenüber. Sie haben Gebete im Wechsel gelesen. Während der Priester die Hostien ausgeteilt hat, hat ein Chor von jungen Leuten gesungen. Der Gottesdienst war immer auf aramäisch, auch die Lieder, die wir sangen. Denn das ist die Sprache, die Jesus gesprochen hat. Den Priester nannten wir Abbuna („Vater“). Bevor wir die Eucharistie empfangen haben, haben wir beim Vater gebeichtet. Wir haben ihm erklärt, was wir falsch gemacht haben. Dann musste ich mich auf meinen Platz setzen und ein Gebet sprechen, dann war das vorbei.

Familienfest

Nach dem Gottesdienst gingen alle Leute nach Hause. Wir hatten alle zuhause einen geschmückten Nadelbaum. Da haben wir aus weißer Baumwolle Schnee nachgemacht und auf die Äste gelegt. Kerzen kamen auch auf den Baum und bunte Kugeln. Manche besuchten nach dem Gottesdienst z.B. einen Cousin, wir gingen immer zu meiner Tante, oder ein Onkel kam zu uns. Dann gab es ein Essen in der Früh: z.B. Kalbs- oder Rindermagen, mit Reis gefüllt. Dieses Gericht heißt Patscha. Bei allen Familien gab es dieses Festessen. Ohne dieses Essen kein Weihnachten! Zwei oder drei Familien saßen zusammen und haben miteinander gegessen. Wir waren in meiner Familie acht Personen. Es saßen also locker 20 Leute zusammen. Bei uns
hatte jeder ein großes Haus mit Garten. Es konnten also viele Gäste kommen. Mein Onkel kam z.B., und wir haben alle Geld von ihm bekommen, auch von Oma und Opa.

Spielen und Spazieren

Am Nachmittag gingen alle Leute im Dorf spazieren, viele Männer spielten Würfelspiele. Da saßen dann 15 Leute im Kreis
oder standen und spielten um Geld. In den Familien haben wir auch gespielt, ein Kartenspiel – aber nur zum Spaß, um
viel weniger Geld.

Die Straße zum Verlieben

So gegen 17 Uhr gingen viele Frauen und Mädchen und junge Männer auf die Straße. Sie hatten sich besonders festlich und schön angezogen, und Frauen und Mädchen waren geschminkt. Die Straße wurde an den Ortsausgängen mit Autos abgeriegelt. Dann konnte man in beide Richtungen spazierengehen. In unserem Dorf wohnten die schönsten Leute! Sie wollten sich zeigen, viele verliebten sich da ineinander und haben später geheiratet. 

Wenn der Spaziergang zu Ende war, gingen manche immer noch weiter bis vielleicht 22 Uhr. Viele Leute gingen dann aber in eine Bar, wo man trank und aß. Manche gingen zu einer anderen Familie als am Morgen. Dort saßen sie zusammen, aßen
und tranken miteinander.

Festtage

Weihnachten dauerte drei Tage. Wir aber haben ein bis zwei Wochen gefeiert. Wir konnten das, weil wir alle selbständig waren. In dieser Zeit haben wir uns in der Familie untereinander besucht. Es gab jeden Tag Gottesdienst. Früh um sieben Uhr, abends so um 16 Uhr. Damals war der Glaube für die Leute viel stärker. Heute sind die Leute im Glauben etwas schwächer geworden.