Thema

Liebe Leserinnen und Leser,
Kirchen sind Räume, die man jederzeit kostenlos betreten darf. Das macht sie einmalig. Es sind Freiräume. Ich kann kommen und gehen, wann ich will, und bleiben, solange ich will. Was ich dort tue, entscheide ich nach Stimmung: Ob ich sitze und schweige, gehe und schaue, nachdenke oder bete, eine Kerze anzünde oder ein Lied anstimme.
Im März waren wir zum zweiten Mal auf ökumenischer ArchtitekTour zu Münchner Kirchen des 20. Jahrhunderts. Am Ende dieser Tour habe ich eine Andacht gehalten. Ich gebe sie hier wieder:


„Treten Sie ein!
Die Kirche ist offen.
Das Portal übt einen Sog aus.
Ich trete ein,
der Raum nimmt mich auf.
Er hat auf mich gewartet,
ist dauernd da,
und bleibt auch,
wenn ich wieder gehe.
So ein Kirchenraum ist anders
als meine sonstigen Räume,
höher, größer, weiter.
Seine Bilder und Gegenstände
sehe ich nur hier.
Es ist ein Sonderraum.
Er bleibt mir fremd,
erinnert an Vergangenes,
aber er macht es zugänglich,
hält es bereit,
umgibt mich damit.
Groß ist der Raum.
Wenn ich still bin,
klingt seine Größe in mir
laut und gewaltig.
Hoch ist der Raum,
er verlegt etwas in die Höhe,
rückt es in die Ferne,
unerreichbar,
dorthin zieht es mich,
dorthin will ich.
Aber was da weit draußen ist
oder weit oben,
das entzieht sich mir.
Die Kirche ist ein Gottesraum.
Hier wohnt Gott und entzieht sich.
Vorne am Altar das Kreuz.
Nicht länger empfinde ich die Höhe,
nicht länger spüre ich die Größe, die sich nach allen Seiten ausdehnt und meinem Fassen entgleitet.
Das Kreuz, da, an diesem Punkt.
Zeichen im Raum.
Signal.
Auch hier, am Kreuz, verflüchtigt sich Gott,
verschmachtet,
vergeht zu nichts.
Aber dennoch:
Da, am Kreuz, auf das ich schaue,
da ist Gott. Da breitet er die Arme aus.
Und genauso hier im Raum,
in dem ich stehe, pausiere, gehe,
ist Gott.
Hier und da ist Gott,
im Raum, im Kreuz,
wartet auf mich,
begegnet mir.
Und ich spreche ihn an,
bei seinen Namen:
Du, Gott,
mein Raum und mein Bruder,
vor mir und über mir und neben mir.
Und manchmal finde ich keine Worte,
bin sprachlos und fassungslos,
bin aber hier im Raum Gottes.
Von allen Seiten umgeben.
Und gehe wieder hinaus,
berührt und voll Ehrfurcht,
im Frieden entlassen,
mit seinem Blick im Rücken.“

 

Ich wünsche Ihnen auf Reisen, unterwegs in Putzbrunn oder München wohltuende Erfahrungen mit den Kirchen. Gewinnen Sie Raum! Treten Sie ein!

Ihr Pfarrer Sebastian Degkwitz